BEWEGUNG UND GEDANKENMODELLE

November 5, 2016

In meinem sportlichen Weg werden sich einige wiedererkennen: Nach zahlreichen Sportarten in der Jugend, begann ich vor etwa 7 Jahren mit einer Mischung aus Bodybuilding und Powerlifting. Erfolg im Sinne von Muskel- und Kraftaufbau stellte sich mit Leidenschaft und Know-How relativ schnell ein. Irgendwann suchte ich nach weiteren Herausforderungen und begann mit Bouldern, Klettern, Turnen und einigen Elementen, die man einfach als Movement bezeichnen könnte.

Grundsätzlich gefällt es mir nicht, Bewegungsformen zu „labeln“, zu kategorisieren. Stereotype erfordern klare Ab- und Begrenzungen, sowie die Einhaltung von Regeln. Das erscheint im Kontext von Bewegung, Sport und Spiel (solange es kein Spiel- oder Wettkampfsport ist) nicht natürlich. Aber als Menschen streben wir nach Ordnung und Einfachheit. Komplizierte Zusammenhänge werden simplifiziert, indem

Modellvorstellungen gebildet werden. Der Erfolg dieser Modelle wird in der Regel daran gemessen, ob sie in der Praxis funktionieren.


Die Gedankenmodelle für objektiv ähnliche Bewegungsabläufe unterscheiden sich in verschiedenen Disziplinen enorm. Im Bodybuilding werden Körperteile klassischerweise als Aneinanderreihung von Muskeln, Knochen und Bändern (obwohl den Knochen und Bändern wenig Beachtung geschenkt wird) betrachtet. Um von Punkt A nach B zu kommen, wird Muskel X kontrahiert. Als vereinfachtes Beispiel wird ein Dip als Kontraktion des Triceps und ein Klimmzug als Übung für den Latissimus angesehen.

Bei Sportarten wie Turnen oder Klettern stehen dagegen Bewegungen im Vordergrund. Wichtig für das Gedankenmodell ist nicht die intrinsische Muskelarbeit, sondern das extrinsische Ergebnis. Die Kombination aus Klimmzug und Dip wird zu einer Bewegung vom Hang (A) in den Stütz (B). Was genau dazwischen im Körper passiert, ist erfahrungsgemäß den meisten Kletterern oder Turnern egal.

Gerade der Übergang vom angezogenen Klimmzug in die unterste Position des Dips (Transition) erfordert eine Vielzahl von Muskelaktivitäten, die weit über den Latissimus Dorsi und Triceps Brachii hinausgehen. Eine Bewegung, wie der Muscle Up, ist beinahe zu komplex für die klassische Bodybuilding Termini. Die gern gestellte Frage „Für welchen Muskel ist die Übung?“ kann nicht einfach korrekt beantwortet werden. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum komplexe Bewegungsmuster im Bodybuilding oft vermieden werden („Wann zur Hölle sollte ich den Muscle Up in meinem 3-er Split trainieren?“). Man konzentriert sich gern auf bestimmte Muskelgruppen. Es erfordert aber jahrelange Körpererfahrung, sich derart komplexer Muster bewusst zu werden.

Den praktisch orientierteren Sportlern, wie Kletterern, fehlt oftmals die Fähigkeit oder das Interesse, entsprechende Muskelaktivitäten zu analysieren. Ihr einfaches Gedankenmodell „Komme von A nach B“ erfordert das nicht. Ich höre oft: „Es funktioniert nicht! Ich kann das nicht!“, ohne das ernsthaft darüber nachgedacht wird, welches das schwächste Glied in der Kette ist. Ist mein Handgelenk zu schwach? Die Innenrotatoren meiner Schulter? Bewegt sich mein Körperschwerpunkt ökonomisch? Meistens kann durch die richtige Analyse und entsprechendem Training des „Weak Links“ mit sehr wenig Aufwand extrem viel erreicht werden. Oft muss nur ein kleiner Schalter umgelegt werden, um Leistung regelrecht zu potenzieren. Um diese Schwachstellen zu finden, sollten komplexe Bewegungen in einfache aufgebrochen und analysiert werden, um sie anschließend wieder zusammenzusetzen und zu integrieren:

Stufe I: Die isolierten Bewegungsabschnitte sollten durch beliebig komplexe Gedankenmodelle abgebildet, analysiert, optimiert und automatisiert werden (Muskel X kontrahiert, Muskel Y entspannt, Handposition, Griffstärke, Atmung, etc.). Die Konzentration gilt vor allem dem eigenen Körper. Auf dieser Stufe enden oft Bodybuilder.
Stufe II: Anschließend können die isolierten Bewegungen aneinandergereiht werden. Sie werden zu einer komplexeren Bewegung integriert und das Gedankenmodell entsprechend vereinfacht. Die Automatisierung der einzelnen Bewegungsabschnitte erfordert keine Konzentration mehr auf Muskel A bis Z, sondern auf die Kombination der isolierten Bewegungen aus Stufe I. Die Konzentration gilt immer noch vor allem dem eigenen Körper.

Stufe III: Nachdem Stufe III automatisiert worden ist, kann das Gedankenmodell noch weiter vereinfacht werden. Die Bewegung von Punkt A zu B steht im Mittelpunkt. Die Zwischenschritte sollten mit höchster Effizienz ablaufen. Auf diese Stufe enden beispielsweise meist Turner aufgrund der selbstgestreckten Grenzen ihrer Disziplin.
Stufe IV: Die höchste Kunst besteht in der Improvisation der Bewegungsmuster. Der Weg von A nach B folgt keiner vorgegebenen Figur oder Bahn (wie der Muscle Up). Stufe IV wird beispielsweise von Kletterern und Boulderern benutzt. Bewegungsprobleme aus Plastik oder Stein erfordern die Integration und vor allem Adaption verschiedener Bewegungsmuster.

Das Erreichen von Stufe IV ist aber ein langer Prozess, der in der Regel unterschätzt wird. Wird kein solides Fundament aus den vorangegangen Stufen aufgebaut, entstehen auf kurz oder lang Dysbalancen und Verletzungen.

Es gilt, dass Vorsicht besser ist als Nachsicht, aber Nachsicht üblicher als Vorsicht, wie ich vielfach feststellen durfte. Deshalb möchte ich im nächsten Teil meiner Gedanken praktische Erfahrungen aus diesem Prozess teilen.

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Dipl.-Ing. Tim Böttner

Tharandter Straße 109

01187 Dresden

+49 176 43691933

timboettner[at]gmx.de

www.thinkflowgrow.com

>> Kontakt